
Mülheim: Resilient gegen Gentrifizierung?
von Marita Odia. Fotos: Eva Rusch
Ende August im Biergarten des Kulturbunkers. Es gibt Literatur über Mülheim, geschrieben von Menschen, die den Stadtteil gut kennen. Maryams Vater lebte auf der Berliner Straße und unterrichtete in der Tages- und Abendschule TAS in der Genovevastraße. „Bis ich 15 war, stammten alle meine Schlafanzüge vom Wochenmarkt an der Berliner Straße“, erinnert sie sich. Auch für Selim war sein Leben in Mülheim „eine prägende Zeit“. Er besuchte das Hölderlin-Gymnasium. Das Rheinufer könnte ein Lieblingsplatz gewesen sein. Gibt es andere Menschen in Mülheim, die unter der Mülheimer Brücke sitzend gekifft haben? Bestimmt. Selim saß auf der anderen Seite unter der Brücke – mit Blick auf das Viertel.

Foto: Eva Rusch. Selim Özdogan und Maryam Aras im Biergarten des Kulturbunker Köln-Mülheim e. V./Toré Cologne
Die beiden lesen im Wechsel aus ihren Texten, Maryam hat ein Essay geschrieben, Selim einen Roman.
In seinem neuesten Buch zieht Selims Held Baran mit seiner Familie durch die Stadt, immer der Arbeit des Vaters hinterher. Nach der Südstadt und dem besetzten Haus gegenüber der Uniklinik in die Wohnung an der Mülheimer Freiheit. Barans Vater Merter eröffnet ein Restaurant in der Keupstraße: „Jeder, der durch die Tür kommt, ist willkommen.“ Ein finanziell erfolgreiches Geschäftskonzept, das Sympathien für den sonst harten Mann weckt. Es funktioniert. Sein Sohn Baran kommt nicht so leicht in Mülheim an. Hat keine Lust auf die Kinder in der Keupstraße, will nicht mit ihnen Türkisch sprechen und sich solidarisieren. Sie klauen sein Bonanzarad. An der Schule verliert er das Interesse. Aber Baran findet neue Verbündete wie die Mädchen in seiner Klasse und Ottilie, die pensionierte Kunstlehrerin, an deren Küchentisch er Hausaufgaben macht. Dabei erfährt er viel (Otti doziert) über Karma, Buchweizen und Ghee.
„Warum bist Du nicht weggezogen?“ – „Wegen der Verbundenheit irgendwie zu den Menschen – hauptsächlich zu meinem Vater. Und all dem Leben, was gelebt ist, was ich hier in diesen Straßen gelebt habe und den schönen Erinnerungen, auch all dem Schmerz, all das, was mich heute ausmacht, ist auch hier.“ (Maryam)
Schöne Erinnerungen und Schmerz gehören zusammen
Maryam taucht tief in die Geschichte ihres Vaters ein: Er lebt auf der Berliner Straße, arbeitet über 25 Jahre in der Tages- und Abendschule in der Genovevastraße. Trifft in der Innenstadt zu Sitzungen mit politisch aktiven Iranern. Liebt Rituale wie das Essen gehen im Restaurant Ecke Berliner-/Von-Sparr-Straße. Hat feste Spazierwege durch das Viertel. Mosaiksteine aus der Mülheimer Geschichte blitzen auf, die niemand bisher in ein Bild gesetzt hat: In den siebziger Jahren fanden die Nouruz-Feiern der iranischen Community in der Mülheimer Stadthalle statt. Maryam ist aus Mülheim weggezogen, aber nicht aus Köln. Warum? Vielleicht ist sie noch nicht bereit, das loszulassen, vermutet sie.
Nähe – ohne viel Emotion und sogar ohne Worte
Wenn Kommunikation und das Zulassen von Nähe für Lebensqualität im Viertel sorgen, wie erzeugt man beides? In Selims Roman gibt es zwei sehr unterschiedliche Strategien: Da ist einmal Merters Geschäftstüchtigkeit, verbunden mit der eigenen Willkommenskultur. Weil er sie willkommen heißt, gibt es deutsche Stammgäste in seinem Restaurant – mehr Gäste, mehr Einnahmen für Merter. Noch viel beeindruckender ist die Kunst von Barans Oma Berfin („Babaanne“), die Kommunikation schafft, ohne ein Wort Deutsch zu lernen. Türkisch spricht die alevitische Kurdin auch nicht so gut. Und gleichzeitig bietet sie mit ihrer Präsenz großartige Kommunikation, erkennt Schmerz, kümmert sich um junge werdende Mütter im besetzten Haus, bewirtet Menschen unterm Kirschbaum mit Tee. Merter und Berfin schaffen Zusammenhalt mit ihren besonderen Strategien, sich in der Welt zu behaupten. Dafür muss es ihnen darin noch nicht einmal gut gehen.
Maryam fragt: Ist Mülheim Actor oder Acting Place? Selim betont, dass die Stadtentwicklung in Mülheim an den Menschen, die hier leben, vorbei gemacht wird. Schon gibt es die ersten neuen Cafés, an denen er die Gentrifizierung erkennt. Und Mieten, die nicht mehr bezahlbar sind. Er vergleicht seine Eindrücke mit Ehrenfeld, dorthin zog er in den 90er-Jahren, bevor der linksrheinische Stadtteil sein Gesicht veränderte. Er vermutet: Mülheim hat eine größere Resilienz, auch wenn man sich hier die Mieten an vielen Stellen auch nicht mehr leisten kann. Das ist auch die Antwort auf Maryams Frage, ob Mülheim Actor oder Acting Place ist.
„Sowohl Kalk als auch Mülheim fühlen sich für mich so ganz schlecht gentrifizierbar an, egal was die äußeren Umstände sind, weil ich das Stadtbild, das Viertel als viel zu lebendig wahrnehme.“ (Selim)
Mülheim, ein lebendiger Stadtteil. Mit Hoffnung, dass es so bleibt. Die hat man auf jeden Fall, wenn man die Texte von Selim und Maryam gehört und gelesen hat. Auch wenn ihr, liebe Lesende, schon hier und jetzt in Mülheim etwas vermisst. Der Schmerz gehört dazu.
Lesetipps
Maryam Aras, Dinosaurierkind, Claassen Verlag 2025 · Selim Özdogan, Ihr kriegt uns hier nicht raus, Kanon Verlag 2026
Bürgerhäuser/Bürgerzentren in Köln unterstützen
Während der Veranstaltung im Kulturbunker bat Sevgi Demirkaya, Vorstandsmitglied des Trägervereins, die Gäste um die Teilnahme an der Befragung der Stadt Köln zu den Bürgerhäusern: „Wo die Leute am leisesten sind, wird am meisten gekürzt.“ Deshalb bat sie die Besucherinnen und Besucher des Abends, an einer Befragung der Stadt Köln zu den Bürgerhäusern teilzunehmen: https://questor.stadt-koeln.de/befragungen/l/ZufriedenheitBZ
Quelle: Mülheimia Kongress-Spezial, S. 9, „Literatur und Stadtentwicklung“.