
Wo die Farbenlinie durch Köln läuft
Text und Fotos von Eva Rusch
Zum 50. Geburtstag schaut das Museum Ludwig auf das, was in der eigenen Sammlung fehlt. „Along the Color Line – Spuren einer transatlantischen Moderne“ ist auch eine Spurensuche durch die eigene Sammlung und die Kölner Fotobestände.

W. E. B. Du Bois,The Georgia Negro. A Social Study, 1900, Tinte und Aquarell auf Papier
Den Titel liefert der afroamerikanische Soziologe W. E. B. Du Bois. Er sagte, das Problem des 20. Jahrhunderts sei die „color line“, die Trennlinie zwischen Weiß und Nicht-Weiß. 1900 zeigte er auf der Pariser Weltausstellung handgezeichnete Statistiken zum Leben Schwarzer Menschen in Georgia. Heute sehen sie aus wie elegantes Infodesign. Damals waren sie ein politisches Statement: Daten gegen Vorurteile.
Mit Deutschland verband Du Bois mehr als die Reise von 1936. Darauf wies bei der Pressekonferenz der Berliner Kulturjournalist Bernhard Schulz hin. Du Bois studierte schon 1892 bis 1894 in Berlin. Max Weber, Mitbegründer der deutschen Soziologie, lernte ihn persönlich kennen und schätzte seine Arbeit sehr. 1906 erschien ein Aufsatz von Du Bois zur „Negerfrage“ in den USA in Webers Fachzeitschrift. Laut Schulz wollte Weber ihn sogar als Professor nach Heidelberg holen, was damals aus naheliegenden Gründen scheiterte. Die Ausstellung konzentriert sich bewusst auf die Texte von 1936, weil sie den deutschen Bezug am deutlichsten zeigen.
Wie die Ausstellung entstand
Im Mittelpunkt stehen zwei Personen: Kuratorin Eboa Itondo und der Künstler James Gregory Atkinson. Den Anstoß gab ein ehrlicher Blick ins eigene Depot. Bei der letzten Jubiläumsausstellung zählten die Guerrilla Girls die Sammlung des Museum Ludwig durch. Das Haus besitzt die bedeutendste Pop-Art-Sammlung außerhalb der USA, aber in der klassischen Moderne war bislang kein einziges Werk Schwarzer Künstler:innen vertreten. Itondo macht genau diese Lücke zum Thema: historische Leerstellen, unsichtbare Vorgänger:innen und verpasste Chancen.

Pressekonferenz. V.l.n.r.: Yilmaz Dziewior, Eboa Itondo, James Gregory Atkinson
Kuratorin Eboa Itondo hat gut drei Jahre an der Ausstellung gearbeitet. Es ist ihre erste große Sonderausstellung am Haus. Sie hat sich bewusst gegen eine chronologische Kunstgeschichte entschieden: kein Anfang, kein Ende, keine ordentliche Abfolge von Stilen. Stattdessen springt der Rundgang zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Europa, Amerika und Afrika, zwischen Kunst, Dokumenten, Musik und Literatur.
Das habe sich bei der Recherche von selbst ergeben, erzählt Itondo. Sie las Du Bois, Zora Neale Hurston, Claude McKay und andere Stimmen der Harlem Renaissance und merkte, wie gegenwärtig deren Fragen bis heute sind. Wichtig war ihr auch ein Perspektivwechsel: Die Ausstellung betrachtet die Color Line nicht nur als Trennlinie, sondern bewegt sich an ihr entlang und sucht die Begegnungen. So erscheint die Moderne nicht als etwas, das von Europa aus in die Welt getragen wurde, sondern als Geflecht mit vielen Knotenpunkten, etwa in den Pariser Salons der 1920er.
Ihr Bild dafür ist ein Familienalbum über Generationen und Kontinente. Vorne erkennt man die Gesichter und kennt die Geschichten. Je weiter man zurückblättert, desto mehr fehlt, und desto größer werden die gedanklichen Sprünge zwischen den Bildern. Genau diese Sprünge interessieren Itondo. Die Lücken sind für sie kein bloßes Defizit, sondern erinnern daran, wie begrenzt die eigene Perspektive ist. Deshalb stehen in der Ausstellung manchmal Dinge nebeneinander, die erst einmal nicht zusammenpassen, etwa ein Plakat der Guerrilla Girls neben einem Max Ernst. Das ist Absicht. Die Verbindungen sollen sichtbar werden, ohne die Machtverhältnisse darin zu verwischen.
Die Ausstellung ist ausdrücklich als Dialog angelegt. Itondo beschreibt die Zusammenarbeit mit dem Künstler James Gregory Atkinson so, als hätten beide ihre Alben zusammengelegt: sein Archiv und die Sammlung des Museums. Dann hätten sie geschaut, wo sich Berührungspunkte ergeben, die eine Brücke schlagen.
Direktor Yilmaz Dziewior ordnet das Projekt in die Strategie des Hauses ein. Zum 50. Jubiläum soll das Museum Ludwig zeigen, dass seine Geschichte der Moderne vielschichtiger ist, als die Dauerausstellung bisher erkennen ließ. Die Lücke werde man nie ganz füllen, sagt er, aber das Haus hat in den letzten Jahren gezielt Werke erworben und will weiter ankaufen. Ein Teil der Ausstellung bleibt deshalb als „Satelliten“ in der Sammlung im 1. und 2. Obergeschoss präsent.
Kölner Spuren aus der eigenen Sammlung

Foto: Bodys Isek Kingelez, „Köln“ (2001), eine Utopie aus Karton und Papier.
Weil die Ausstellung aus der Sammlung Ludwig und den Kölner Fotobeständen schöpft, führen viele Fäden ganz selbstverständlich nach Köln und ins Rheinland. Du Bois reiste 1936 als Reporter durch Nazi-Deutschland und machte auch in Köln Station. Der kongolesische Künstler Bodys Isek Kingelez baute 2001 eine bunte Miniaturstadt namens „Köln“ mit bezahlbarem Wohnraum. Sie ist ausdrücklich als städtebaulicher Vorschlag an die Kölner:innen gemeint.
Chargesheimer fotografierte Billie Holiday, als sie 1954 in Köln auftrat. Der Fluxus-Künstler Ben Patterson war Anfang der 1960er in der Kölner Szene aktiv. Und die Kölner Malerin Lotte B. Prechner stellte schon 1928 einen Schwarzen Intellektuellen ins Zentrum ihres Bildes „Epoche“.
Die Region hat auch dunkle Seiten. Eine Hetzschrift von 1920 gegen französische Kolonialsoldaten am Rhein erinnert daran.

Foto: „Farbige Franzosen am Rhein“, Berlin 1920.
Ein lebendiges Archiv
Roter Faden ist das Archiv des deutsch-amerikanischen Künstlers James Gregory Atkinson (*1981). Sein Vater war als GI in Hessen stationiert. Während seines Studiums fand Atkinson kaum Bezüge, um sich selbst und Schwarze Menschen in der deutschen Geschichte zu verorten, und wurde immer wieder gefragt, wo er „wirklich“ herkomme. Also begann er selbst zu sammeln. Über die Jahre entstand ein internationales und generationenübergreifendes Archiv, das vor allem auf Deutsch arbeitet.
Sein Antrieb: Jede Generation habe oft das Gefühl, die erste zu sein, sagt Atkinson. Dabei gebe es seit mindestens 200 Jahren Schwarze Menschen in Deutschland, die etwas bewegt und geschaffen haben. Für ihn ist das keine Randgeschichte, sondern ein Stück deutscher Geschichte, das alle kennen sollten. Archive sind für ihn keine Friedhöfe, in denen man Dinge ablegt. Er spricht von einem lebendigen Archiv, das immer wieder neu gemischt und verknüpft werden kann, auch mit Freude.
In der Ausstellung gehören dazu CARE-Pakete vor einer Karikatur von 1947, die Jim Crow und Nazi-Deutschland vergleicht, und eine GI-Untergrundzeitung zum „Ramstein 2“-Prozess. Atkinsons Film am Anfang des Rundgangs zeigt Kinder Schwarzer US-Soldaten und deutscher Mütter, gedreht auf einer ehemaligen Militärbasis. Solche Orte waren für ihn kleine hybride Welten, in denen Kulturen aufeinander trafen und voneinander lernten.

Fotos: CARE-Pakete vor der Karikatur von 1947 „Voice of the Lumpen“.
Ein Highlight ist der Peacock Chair. Er ist dänisches Designerstück und zugleich Black-Panther-Thron, und das Rattan-Vorbild wurde in einem Gefängnis in Manila geflochten. So hat ein Stuhl drei Geschichten.

Foto: Hans J. Wegners Peacock Chair (1947).
Wer den großen DC-Saal betritt, steht unter einem Wald, der kopfüber von der Decke wächst. Things Fall Apart (2014) von Pascale Marthine Tayou ist rund zehn Meter lang. Hunderte eingefärbte Handbesen, zugespitzte Holzpfähle, Ketten, Masken und Kolonialfiguren hängen dort, alle verkehrt herum. Der Titel verweist auf Chinua Achebes Roman von 1958 über die Folgen des Kolonialismus in Nigeria. Die Installation erzählt, wie gesellschaftliche Ordnungen über Kontinente hinweg auseinanderfallen.
Die Kolonialfiguren lohnen einen zweiten Blick. Sie stehen in einer Tradition, in der Einheimische die europäischen Kolonialherren spöttisch nachbildeten und so deren Macht ins Lächerliche zogen. Tayou, geboren in Kamerun und heute in Gent und Yaoundé zu Hause, arbeitet gern mit Alltagsdingen, die durch Handel und Migration um die Welt wandern. Die Leihgabe kommt aus dem Kunsthaus Bregenz.

Foto: Pascale Marthine Tayou, Things Fall Apart (2014), im DC-Saal.
Und was heißt das heute?
Die Ausstellung kommt im Jahr des 250. Geburtstags der USA, und das Verhältnis über den Atlantik ist gerade alles andere als entspannt. Museumsdirektor Yilmaz Dziewior sagte bei der Pressekonferenz, man könne die Schau durchaus als Beitrag zu diesem Jubiläum sehen. Er bezweifle allerdings, dass staatlich geförderte Häuser in den USA wie das Smithsonian sie derzeit so zeigen könnten. Du Bois' Berichte von 1936 über Populismus läsen sich, als seien sie heute geschrieben.
Die gute Nachricht steckt in der Ausstellung selbst. Der transatlantische Austausch war nie nur eine Sache von Regierungen. Er lebt von Menschen, die reisen, studieren, Musik machen und Familien gründen, und dieser Austausch hat Köln geprägt. Die Installation des in Köln lebenden Malers Peter Uka fasst das schön zusammen: 48 handgeschnitzte Hocker im Kreis, und aus dem Lautsprecher klingt die Einladung, sich zu setzen und einer Geschichte zuzuhören.

Foto: Peter Ukas Hocker-Installation
Eckdaten
Titel | Along the Color Line – Spuren einer transatlantischen Moderne |
Ort | Museum Ludwig, Köln; zweiter Teil als „Satelliten“ in der Sammlung im 1. und 2. Obergeschoss |
Laufzeit | 3. Oktober 2026 bis 7. März 2027 (gut fünf Monate) |
Eröffnung | Freitag, 2. Oktober 2026, 19 Uhr |
Anlass | Zweite große Sonderausstellung im 50. Jubiläumsjahr des Museum Ludwig |
Kuratorin | Eboa Itondo (erste Sonderausstellung am Haus, rund drei Jahre Vorbereitung) |
Kuratorische Assistenz | Alison Shea |
Direktor | Yilmaz Dziewior |
Ausstellungsdesign | Flematu Sessay, Nathalie Opris |
Zentrale Position | James Gregory Atkinson (*1981), Archiv zur Schwarzen deutschen Geschichte |
Weitere Künstler:innen (Auswahl) | W. E. B. Du Bois, Laura Wheeler Waring, Winold Reiss, Beauford Delaney, Charles White, Lorraine O'Grady, Mildred Thompson, Herbert Gentry, Iba N'Diaye, Bodys Isek Kingelez, Pascale Marthine Tayou, Peter Uka, Lubaina Himid; dazu Max Ernst, Ernst Ludwig Kirchner, Chargesheimer aus der Sammlung |
Leihgeber:innen (Auswahl) | Howard University, Washington; Library of Congress; Fisk University Galleries; Deutsches Historisches Museum |
Förderung | Land NRW (MKW), Kulturstiftung des Bundes, BKM, Kunststiftung NRW, Terra Foundation for American Art, Peter und Irene Ludwig Stiftung, Freunde des Wallraf-Richartz-Museum und des Museum Ludwig, Kulturstiftung der Länder, Beatrix Lichtken Stiftung |
Sponsor | REWE Group |
Pressekontakt | Sonja Hempel, 0221 221 23491 · Anne Niermann, 0221 221 22428 |
Öffnungszeiten | Dienstag – Sonntag: 10:00 – 18:00 Uhr (auch an Feiertagen, selbst wenn diese auf einen Montag fallen) |
Web | |
Tikets | |
# | AlongTheColorLine |
Katalog
Along the Color Line. Spuren einer transatlantischen Moderne, herausgegeben von Eboa Itondo. Mit Texten von Kathryn E. Coney-Ali, Yilmaz Dziewior, Eboa Itondo, Oliver Lubrich, Joanna Peprah, Eric Otieno Sumba und Chassidy Winestock.
Deutsch/Englisch, 248 Seiten, 170 Abbildungen, 21 × 23,3 cm. Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln. ISBN 978-3-7533-1128-9. Preis: 35 € im Museum, 38 € im Buchhandel.